Neuroplastizität und Gesichtsfeldausfälle
 

Die Fähigkeit des Gehirns zur stetig neuen Abbildung und Organisation von Wissen und von emotionalen, sensiblen, sensorischen und motorischen Funktionen (auch Neuroplastizität genannt) ist jedem Menschen gut bekannt. Gesunde erleben dies alltäglich im Rahmen des natürlichen Lernens, Kranke bei Erholungsvorgängen nach Schädigungen am Hirn. Unbestreitbare Fortschritte in der Zuordnung bestimmter anatomischer Hirnregionen zu umschriebenen Leistungen des menschlichen Gehirns (so zum Beispiel die Zuordnung des linken Frontalhirns zur Funktion der expressiven Sprache oder des Occipitalhirns zur Funktion des Sehens) verstellen dabei jedoch bisweilen den Blick für die große anatomische Variabilität und das redundante biologische Anlageprinzip menschlicher Hirnfunktionen. Viele, vor allem wesentliche, Hirnfunktionen sind doppelt (in beiden Hirnhälften) angelegt, dehnen sich bei häufiger Nutzung anatomisch aus oder sind in angrenzende Hirnregionen "verschiebbar". Es ist also durchaus verständlich, dass verloren gegangene Hirnfunktionen, trotz eines kompletten Untergangs der diese Funktionen zum Schädigungszeitpunkt tragenden Nervenzellen, wiedererlangt werden können. Für Hirnfunktionen wie die Sprache oder die Steuerung motorischer Leistungen ist dies gut bekannt und etablierte Basis der Rehabilitation mittels Sprachtherapie (Logopädie) und Krankengymnastik.

Für Schäden entlang der menschlichen Sehbahn ist dieses Grundprinzip jedoch bislang weniger beachtet oder genutzt worden. Dies ist umso überraschender, als Sehstörungen eine erhebliche Bedeutung für die Alltagsselbstständigkeit haben. Patienten mit Sehstörungen auf dem Boden von Hirnschäden sind häufig nicht mehr in der Lage, mit der notwendigen Sicherheit ein Kraftfahrzeug zu führen, Texte mit der notwendigen Geschwindigkeit zu lesen oder zu verstehen (obwohl ihre geistige Auffassungsgabe unbeeinträchtigt ist), Arbeiten an Bildschirmen zu verrichten oder sich frei in der zuvor gewohnten Umwelt zu bewegen (so z.B. sicher eine Straße zu überqueren oder sich in geschlossenen Räumen zurecht zu finden).

Ähnlich den gesicherten und als Therapiestandard etablierten Methoden der Krankengymnastik und Logopädie, zeigen die bislang vorliegenden Untersuchungen bei Patienten mit Sehstörung aufgrund von Hirnschäden, dass eine konsequente Behandlung in Form eines computergestützten Sehtrainings zu deutlichen Verbesserungen führen kann. Die Patienten profitieren dabei von einer Verbreiterung ihres eingeschränkten Gesichtsfeldes sowie auch durch eine Zunahme der Reaktionsgeschwindigkeit in geschädigten Gesichtsfeldarealen. Beide Phänomene sind geeignet, zu einer deutlichen, alltagsrelevanten Verbesserung zu führen und in eine größere Selbstständigkeit des Patienten zu münden. Derzeit laufende klinische Studien konzentrieren sich vor allem auf diesen alltagsrelevanten Erfolg computerbasierender Gesichtsfeldtherapien.

Heilungsvorgänge im Sinne von klinisch beobachtbaren (und von Patienten erlebten) Verbesserungen nervaler Störungen nach Schäden am zentralen Nervensystem lassen sich grundsätzlich in den funktionell neuroanatomischen Kategorien von (1) Wiedergewinnung der funktionellen Integrität initial geschädigter nervaler Strukturen und (2) Neuroplastizität (Übernahme eingebüßter nervaler Funktionen durch anderes/nicht geschädigtes zerebrales Nervengewebe) diskutieren und verstehen.

Eine Erholung direkt geschädigter neuronaler Strukturen, die auf diesem Wege zu einer Wiedererlangung der Funktionsfähigkeit führt, findet - zumindest nach den derzeit propagierten Denkmodellen - innerhalb von wenigen Tagen statt, also meist in der Zeit stationärer Krankenhausversorgung. (Das zugrunde liegende neuro-biologische Denkmodell basiert dabei auf der grundsätzlich gegebenen Möglichkeit einer inkompletten Schädigung nervaler Strukturen, die zu einer Beeinträchtigung der neuronalen Funktion, jedoch nicht zu einer irreversiblen Schädigung des Nervengewebes selbst führt, für den Laien am besten mit der Metapher "Auto ohne Benzin" illustriert.)

Die zweite oben genannte Kategorie ("Neuroplastizität") impliziert, dass durch intrazerebrale Umorganisation nach einer irreversiblen Schädigung nervaler Strukturen ("Auto mit Totalschaden") verloren gegangene Funktionen dennoch zumindest partiell wiedererlangt werden können. Eine intrazerebrale Umorganisation kann dabei sowohl in Form der Funktionsübernahme durch benachbarte Neuronen der ipsilateralen Hirnhälfte, als auch durch Aktivierung korrespondierender kontralateraler Hirnregionen erfolgen. Ungeachtet dessen, dass Ausmaß sowie intra- und inter-individuelle Varianz derartiger Heilungsvorgänge unzureichend beschrieben sind, sind deren Effekte jedoch gut belegt. Ebenso gut belegt ist die Abhängigkeit des klinisch relevanten Ausmaßes der genannten Heilungsvorgänge von externen Reizen, namentlich aller für die Rehabilitation der betroffenen Funktionsstörungen zutreffenden Therapiemaßnahmen. Für den Laien mag man das am Modell des Lernens plausibel machen. Menschen aller Altersklassen können grundsätzlich eine Vielzahl konkret motorischer, abstrakter oder anderer Leistungen zumindest in Teilen erlernen, also unter Ausnutzung der neuronalen Plastizität des Hirns neue Funktionen erlernen und reproduzierbar halten. Dabei führt das Training mit professionellen Helfern (Tennislehrer/Krankengymnastin, Fahrlehrer/Ergotherapeut, Gesangslehrer/Logopäde) und eine größere Häufigkeit und Regelmäßigkeit von Trainingseinheiten zu besseren Ergebnissen, als autodidaktisches Üben und seltene/unregelmäßige Trainingseinheiten.

Zeitgang von Defektrückbildungen/Erholungen
Lähmungen der Extremitätenmuskulatur durch Schlaganfälle (Hirninfarkte oder Hirnblutungen) und andere einmalige zerebrale Schädigungsereignisse (z.B. traumatische Hirnverletzungen) bilden sich entweder (1) rasch, d.h. innerhalb weniger Minuten bis Stunden, (2) kurzfristig, d.h. innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen oder (3) im Rahmen mehrmonatiger Prozesse zurück. Prinzipiell trifft dieses Muster auf alle zerebralen Störungen (also auch Störungen der Sprache oder anderer zerebraler Funktionen wie das Sehen) zu. Der Zeitgang von Erholungsvorgängen ist also nicht linear, sondern zeigt entsprechende Gipfel auf der Zeitachse. Dem zu (1) genannten Erholungsmuster liegt vermutlich die oben diskutierte erste Kategorie der Erholung nicht-irreversibel geschädigter Nervenzellen zugrunde, während die übrigen Erholungsmuster am ehesten im Kontext der Neuroplastizität verstehbar sind. Frühzeitige und kurzfristige Erholungen sind dabei in aller Regel vollständiger und in geringerer Behinderung resultierend, als spätere (mehrmonatige) Erholungen. Für Patienten, die mehrere Wochen nach einem Schädigungsereignis noch behindernde Lähmungen (oder andere zerebrale Störungen z.B. der Sprache oder des Sehens) aufweisen, ist eine vollständige Wiedergewinnung der Funktionen deutlich weniger wahrscheinlich. Allen Heilungsvorgängen (klinisch beobachtbaren Verbesserungen) ist gemein, dass diese jenseits der frühen Phase von ca. 4 Wochen deutlich geringer ausgeprägt sind, als dies in frühen Erholungsphasen der Fall ist. Jenseits einer Zeitgrenze von ca. 6 Monaten sind in aller Regel deutlich geringere Verbesserungen erzielbar, die nichtsdestotrotz von Patienten und Angehörigen durchaus als wertvoll und hilfreich erlebt werden können.

Spezielle Empfehlungen zur Behandlungsindikation bei Schäden am zentralen Nervensystem (z.B. Schlaganfall)
Aus den oben ausgeführten Gründen heraus ist es plausibel, bei allen Störungen (Lähmungen, Koordinationsstörungen, Sprach- und andere neuropsychologische Störungen, Störungen des visuellen Systems u.a.m.), die einen behindernden Effekt haben, restitutive Therapiemaßnahmen anzuwenden und möglichst zeitig zu beginnen.

 
 
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